Die Liebenden von Mantua

Ralph Dutli

Seit 6000 Jahren lagen sie sich in den Armen: Als 2007 die aus der Jungsteinzeit stammenden Skelette zweier junger Menschen bei der Stadt Mantua ausgegraben wurden, gingen die Bilder um die Welt. »Romeo und Julia aus der Steinzeit« - so lautete die Sensationsmeldung. Dann kamen die Krise und der »verfluchte Frühling«, das Erdbeben im Mai 2012, die Renaissance-Stadt Mantua hatte andere Sorgen.
In Ralph Dutlis Roman ist das berühmte Steinzeitpaar nach Untersuchungen in einem archäologischen Laboratorium plötzlich verschwunden, und so macht sich der Schriftsteller Manu auf die Suche. Doch bald ist er selber unauffindbar. Entführt auf das Anwesen eines dubiosen Grafen, soll er eine neue Religion der Liebe begründen helfen, nicht mit dem Gekreuzigten als zentralem Symbol, sondern mit dem Bild der Liebenden von Mantua ...
In einer Zwischenwelt aus Realität und Traum flimmert das Mantua der Renaissance, der Maler Mantegna soll noch einmal sein berühmtes »Zimmer der Vermählten« malen, der Dichter Vergil fliegt als erstaunter Beobachter über seine Heimatstadt Mantua, und es geschehen mehrere merkwürdige Morde.
»Die Liebenden von Mantua« ist ein Roman über die Erdbebenzonen des Lebens, über eine neue Liebesutopie, über Religion und Renaissance, den unsicheren Status der Wirklichkeit und die unheimliche Macht der Schrift.

(Buchpräsentation Wallstein Verlag)

Recensione

di Verena Bühler

Pubblicato il 28/09/2015

Das Zentrum von Ralph Dutlis Roman bilden zwei Skelette aus der Jungsteinzeit, die, einander umarmend, 2007 in einer Vorstadt von Mantua ausgegraben wurden. «Die Liebenden von Mantua», so der Übername des 6000jährigen Knochenpaares, befeuern die Fantasie der Hauptfiguren. Manu möchte einen Roman über sie schreiben und ist nach Mantua gereist um zu recherchieren. Doch kaum ist er in der Renaissancestadt angekommen, verschwinden die Skelette aus dem archäologischen Labor, in dem sie zur Untersuchung lagerten.

Ein verrückter Conte, der sich Ignoto nennt, ein Landgut, auf dem eine neue Religion der Liebe entwickelt werden soll, eine Entführung, eine grosse Bibliothek, philosophische Tischgespräche, eine Privatuntersuchung und ein Polizeieinsatz, dies sind die Ingredienzien der eher dünnen und reichlich fantastischen Handlung dieses Romans.

Um den Plot herum ist das angerichtet, was Dutli eigentlich interessiert, nämlich, eine Hommage an die Stadt Mantua, an die Kunst und das Lebensgefühl der Renaissance, an die Liebe, an die Lust, an das Leben. Er sinniert und improvisiert, zitiert und fabuliert sich durch die Themen, so dass Die Liebenden von Mantua streckenweise Religionskritik, Kunstführer, philosophischer Monolog und nicht zuletzt ein Trieb der deutschen Italiensehnsucht ist, oder Italienverzücktheit, wie es im Fall von Dutli treffender heissen müsste.

Auch ein wenig Gesellschaftskritik findet man in diesem Buch. Sie bleibt jedoch eine Randerscheinung und geht nicht über Schlagwörter wie die Arbeitslosigkeit unter gut Ausgebildeten hinaus. Denn: «Wie soll man sich Sorgen um Italien machen, solange es seine Sprache gibt?»

Während die Bilder und Fantasien in Soutines letzte Fahrt, Dutlis erstem Roman, vom Bewusstsein des Malers auf der Fahrt im Leichenwagen nach Paris gebündelt und zusammengehalten werden, haben sie in diesem zweiten keinen entsprechenden Brennpunkt. Sie verselbständigen sich häufig und können nur noch vage einer thematischen Wolke aus Liebe, Kunst, Vergänglichkeit, Tod zugeordnet werden. 

Dutlis Ausführungen sind gescheit, manchmal aber auch beflissen und belehrend. Die Kritik am Christentum ist berechtigt, aber nicht originell, die Spötteleien über das Internet als unsinnliches Medium sind einleuchtend, aber man fragt sich, wer sich darüber noch aufhalten mag. Die verführerische Magie des italienischen Essens, verwoben mit einem Exkurs über die weibliche Haut und über das Verhüllen und Entblössen, stellt Dutli der Armseligkeit der Internetpornographie gegenüber. Allem möchte man zustimmen, doch die Liebesbegegnung von Manus Freund Raffa und der jungen Archäologin Lorena, um die es eigentlich gehen sollte in diesem Kapitel, wird von den überbordenden Bildern und gelehrten Beobachtungen des männlichen Hirns erstickt. Sie schaffen Distanz und Herzlosigkeit: «Die Magie der Haut beruht darauf, dass sie gegenseitig ist, Urkontakt», «ihre Haut war unbeschriebenes Mittelmeer», «Metall in der Haut war nicht erotisch für ihn, diese Einsprengsel von Schrotthalde unter der warmen Hand. Läppisches Zubehör auf der göttlichen .... Hautlichkeit.»

Auffällig viele Zufälle und Zwillingspaare sind in den Handlungsverlauf eingestreut. Sie erinnern an Shakespeare, mit dessen Romeo und Julia Dutli das Skelettpaar immer wieder vergleicht. So hat Lorena eine Zwillingsschwester, die für den Conte arbeitet und zum Schluss die Polizei alarmiert, und Raffa sieht Lorenas verschollenem Freund zum Verwechseln ähnlich. Doch merkwürdigerweise wird das Potential dieser Doppelgänger-Motive nicht eingesetzt. Die Identitäten bleiben immer eindeutig, es gibt weder Verschiebungen noch Verwechslungen, und dem Fortgang der Geschichte sind diese Spielereien auch nicht dienlich.

Die «Liebenden vom Mantua», so stellt sich heraus, sind als Figuren weniger romantisch, als es zunächst den Anschein hatte: Anthropologische Untersuchungen haben ergeben, dass die Skelette im Laufe des Verwesungsprozesses zufällig in eine Position gerutscht sind, die es so aussehen lässt, als ob sie sich umarmten. Es gab also keinen gemeinsamen Liebestod eines Paares, wie Manu sich ausgemalt hatte. Dies ist eine ernüchternde Erkenntnis, die ihn aber gleichzeitig auch erheitert und erleichtert. Auf dieser Basis lässt sich kein Liebesroman über das Paar schreiben und keine Religion begründen.

Das Erdbeben von 2009, in dessen Spuren an Türmen und Palästen Raffa zu Beginn des Romans die Handschrift des Gottes Terremoto sieht, der gierig alles zerstören will, ist eine Entsprechung zu Manus Erkenntnis über die Liebenden am Schluss des Buches. Terremoto ist auch für andere «Erdbebenzonen des Lebens» zuständig und nicht ausschliesslich negativ, wie «das Lied von diesem Kanadier» - gemeint ist Leonard Cohens «Anthem» - illustriert: «There is a crack, a crack in everything – that’s how the light gets in». Bewegung, Erschütterung und Veränderung, Terremoto und der Gott des Zufalls führen Regie im Leben und zwingen es vorwärts.

Und die Liebe? Nach dem grossen Sprachgetöse, der sakral und kulinarisch aufgeladenen Sinnlichkeit ist es am Schluss die kreatürliche Angst vor dem Tod, «der ganzen Sterberei ohne Sinn und Zweck», die zwei Liebende aneinander bindet. Dies ist eine vergleichsweise einfache Wahrheit, wenn der Autor sie auch in ein Bild fasst, das es ihm erlaubt, parallel dazu noch ein Gedicht einzubringen: An einem Strand bei den Kreidefelsen in der Normandie läuft und hüpft ein Paar auf dem Kies und durch die Wellen der herannahenden Flut um sein Leben. Es entkommt dem Tod nur knapp. Die entsprechenden Zeilen der wunderbaren Emily Dickinson stellt Dutli an den Schluss seines Romans:  ‚Und ist nie das Meer // Ihnen so nah gekommen, // dass Sie tanzten?’

Kenntnisreich, klug, witzig, sprachoriginell, aber auch überladen und etwas selbstverliebt wirkt dieser Roman von Ralph Dutli. Man erfährt viel und kann sich mitreissen lassen von der Italienbegeisterung des Autors. Unbefriedigend ist, dass das Buch alles ausbuchstabiert und alle Antworten selber gibt. Die Fülle hinterlässt eine Leere im Kopf, es bleibt kaum eine Lücke, die einen anregen würde weiterzudenken.

Rassegna stampa (selezione)

Niemand kann so geistreich und elegant über Mantua und Mantegna, Giulio Romano, den Pornografen des Vatikans, und den «permanent patenten» Vergil plaudern: Dutli ist ein wunderbarer Cicerone und grossartiger Essayist, aber definitiv nicht der Dan Brown der italienischen Renaissance. (Martin Halter, Tages Anzeiger, 10.08.2015)