Das frühe Werk entdecken

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 01/05/2012

Klaus Merz ist ein Dichter und Erzähler, der sich nicht vor seinen Lesern und Leserinnen verschliesst. Seine verführerische Prosa und seine prägnanten Gedichte vermitteln stets den Eindruck, sie müssten zu verstehen sein.

Schnee fällt auf die Urnen
die Stimmen sind ausgezählt.

Was leicht klingt, besitzt freilich seine Tücken, wie dieser Zweizeiler unschwer erkennen lässt. Er ist einem bisher unveröffentlichten Gedicht aus den 1960er Jahren entnommen und findet sich im ersten Band der neuen Werkausgabe wieder, der die frühe Lyrik von 1963 bis 1991 umfasst. Seit je her zeigt sich Merz als ein Meister der lichten Kürze. Bereits die Frühphase lässt die späten Gedichte anklingen. Es ist allerdings eine Kontinuität im Wandel.
Das «Abendlied», mit dem der erste Band einsetzt, verrät noch naturalistische Züge, doch fünf Seiten weiter findet sich das Gedicht «Konzertsaal»:

Die Orgel
ist zugeschneit
Sierra Nevada

Nachts steigen
aus eisigen Grüften
kalte Choräle.

Das Landschaftsbild wird durchscheinend und gibt in der hingetuschten Kürze tiefere Schichten der Empfindung preis.

Wahrnehmen, was
durch Vorzeigen nicht
sichtbar wird

lautet eine der Kernbotschaften in den «Nachrichten vom aufrechten Gang» von 1991.

Eines fällt bei diesen Gedichten besonders auf. Merz liebt es, seinen Büchern spitzfindig anschauliche Titel zu geben. Ihre summarische Lektüre vermittelt wichtige Einblicke in seinen poetischen Kosmos. Die frühe Lyrik beginnt mit «Weisse Gedanken». Das Leitmotiv Schnee verbindet sich mit dem unbeschriebenen Blatt, auf dem die Gedanken erst Form annehmen müssen. Der nachfolgende Titel erweitert diesen Zusammenzug: «Mit gesammelter Blindheit» (1967). Die Konzentration auf das bisher Übersehene, vielleicht äusserlich gar nicht Wahrnehmbare wendet den Blick nach innen:

Ich frage:
War je keine Klarheit?

1969 überschrieb Merz einen Band mit «Geschiebe mein Land», mit den dazugehörigen Zeilen:

Lautlos verschüttet
Geschiebe mein Land
Schuttfächer wachsen
herein.

Darüber steht «Eiszeit», doch gleich das daran anschliessende Gedicht signalisiert, dass es hier nicht nur um Geologie geht. «Meinem Bruder Martin» ist es gewidmet, dessen Bild dem lyrischen Ich nachts aufsteigt:

von den vielen
nichtgestorbenen Toden
holt mich sein Lächeln zurück

Martin Merz verstarb 1983 an einer angeborenen Krankheit, der Bruder hat ihm später die meisterhafte Erzählung «Report» gewidmet. Krankheit, Trauer, Verletzlichkeit sind wichtige Kernthemen bei Klaus Merz. 1972 erschien der wunderbare Titel Vier Vorwände ergeben kein Haus. Er ist dem Gedicht «Fundamental» entnommen:

Und tun als ob
da ein Dach wär
reicht nicht mehr aus

Die lyrischen Gebilde kapseln sich nicht ein, sondern suchen die Offenheit, auch wenn sie angreifbar macht.

Wer A sagt
muss wissen
dass B
ein Leiselaut ist.

Die letzten Zeilen stammen aus dem Band Kurzwaren (1978), der zeitgleich mit dem Erzählband Latentes Material erschienen ist. Er findet sich im zweiten Band der Werkausgabe unter der Überschrift In der Dunkelkammer, der die frühe Prosa von 1971 bis 1982 umfasst. Nebst Unveröffentlichtem enthält er auch das Theaterstück «Zschokke-Kalender», das 1976 uraufgeführt wurde.
In einem kurzen Nachwort notiert der Herausgeber Markus Bundi, dass Klaus Merz 1985 beim Aufräumen zudem zwei Romane weggeworfen habe, um nur zwei kurze Prosaversionen davon stehen zu lassen. Ein typisches Verfahren für den «Meister der Verdichtung».
Die frühe Prosa hält sich stärker als die Lyrik an erzählerische Konventionen. Die Kürzestform, die Merz später zur Vollendung bringt, ist hier erst «Latentes Material». In der gleichnamigen Erzählung verfügt der Erzähler, ein Fotograf, jedoch bereits über den «retardierenden Blick», der nicht Abläufe, sondern minimale «aneinandergereihte Zustände» sieht, denen das Kontinuierliche äusserlich abgeht. Damit sei schwer zu leben, heisst es, aber man bleibt so «wahrscheinlich offener, schutzloser natürlich auch, als wenn man sich auf die Verteidigung eines Lebensplanes, fester Prinzipien eingestellt hat».

Was dem Frühwerk noch mangelte, war der sich weitende Resonanzraum, der Gedichte und Prosa einer grössern Leserschaft nahe brachte. Bis Mitte der neunziger Jahre erschienen die Bücher von Merz in kleinen Auflagen bei verdienstvollen Nischenverlagen wie der Edition Howeg.
Erst der schmale Roman Jakob schläft rückte den Autor ins Rampenlicht der Aufmerksamkeit. Der Roman markiert die Mitte seines Werks. In ihm ist jene Trauer über familiäre Schicksalsschläge – erinnert sei an Martin Merz – aufgehoben, die in den frühen Texten anklingt.

Auf meinem Schreibtisch
häufen sich Trümmer.

Am Ende hat die Trauer Klaus Merz auch Glück gebracht. Das ist Dialektik. Im gleichnamigen Gedicht aus dem Band Bootsvermietung beschreibt er sie in der ihm eigenen Manier:

Das Glück aufessen
das feil ist.
Es wird nicht weniger
und hat von beidem
genug.

Die zwei ersten Bände der Werkausgabe lassen bereits das poetische Bewegungsmuster erahnen, dem das Werk von Klaus Merz folgt. Bei seiner Lektüre ist es aber auch erlaubt, die Seiten schmökernd zu überfliegen, um durch die Signalfarbe der (Gedicht-)Titel verleitet bei dem einen oder andern «Augentrost» innezuhalten:

Lesen
und bemerken:
Du wirst von den Wörtern
verstanden. Manchmal.

PS: Jüngst ist Klaus Merz mit dem Basler Lyrikpreis 2012 für sein dichterisches Schaffen ausgezeichnet worden. In der Jurybegründung heisst es treffend: «Wie wenige Dichter bringt er das Kunststück fertig, lyrische Prinzipien auch in seiner Prosa umzusetzen.»