Ein Zimmer für die Lyrik

4 Jahre «DIE REIHE» im Wolfbach Verlag

Approfondimento del 18/12/2014 di Beat Mazenauer

Zum 10. Geburtstag hat sich der Zürcher Wolfbach Verlag selbst ein kleines Geschenk gemacht: eine Reihe für Lyrik und kürzere Prosa. Als Herausgeber konnte der Autor Markus Bundi gewonnen werden, der seither eine Edition mit eigenständigem Profil aufgebaut hat. Nach 14 ersten Bändchen im Einheitslook erscheint «DIE REIHE» seit diesem Jahr  in etwas grösserer Aufmachung: mit einer schwarz-weiss Fotografie auf dem Klappumschlag. Renommierte Autoren und Autorinnen wie Beat Brechbühl, Ingrid Fichtner oder Christian Haller verleihen dem Jahrgang 2014 Gewicht, weswegen sich eine kleine Inventur lohnt, bevor die «REIHE» in ihr fünftes Jubiläumsjahr geht.

Stechwetter

Nebst den renommierten Autorinnen und Autoren ist der 1934 geborene Autor und Theologe Arthur Steiner eine eher unbekannte Grösse. Seine neuen Erzählungen stehen in der lyrisch geprägten „REIHE“ für die prosaische Linie. Kurz und von allem Brimborium entschlackt, lässt der Band Stechwetter allerdings durchscheinen, dass Steiner auch Lyrik schreibt.
Hier erzählt er aus dessen Optik von einem Buben zwischen Kindheit und Jugend, der den Erwachsenen mit seinen Fragen und Träumereien gehörig auf den Zahn fühlt. Weshalb gibt es Mädchen und Buben, und warum muss er im Schulzimmer hocken, wo es draussen viel lustiger zu spielen ist? Die Streiche, die er dem Lehrer und dem Pfarrer spielt, sind im Grunde gar keine, weil er nichts getan hat ausser grundlos lachen, beispielsweise. Es ist, kurzum, ein sonderliches Kind, in dem der spätere Erwachsene bereits mitdenkt.

Steiners Geschichten sind lakonisch erzählt, ohne Umschweife, mal auf eine Pointe zusteuernd, mal beinahe abrupt abbrechend. Diese Direktheit ist ein Markenzeichen, das wegen seiner Kunstlosigkeit zuweilen irritiert – doch gerade darin steckt auch Kalkül. Mehr und mehr wird gewiss, dass dieser Junge ein Plural ist, von unterschiedlichem Alter mit ganz unterschiedlichen Eltern aus unterschiedlichen, meist bescheidenen Verhältnissen. Bloss die naseweise Naivität und zugleich die tumbe Torheit sind all diesen Ich-Erzählern gemeinsam, um Arthur Steiners Prosa ihren Stempel aufzudrücken – auch da, wo einzelne der Geschichten an ihrem Schluss eher hingetuscht als zu Ende komponiert wirken.

Laub vor dem Winter

Einen andern, melancholisch gefärbten Ton schlägt Christian Haller in seinen Gedichten an. Der eintretende Winter, der Fluss, daran ein Haus, darin einer sitzt, schreibt und sich erinnert. Christian Haller geht vom Naheliegenden aus. Das Laub fällt von den rauschenden Bäumen, und es fällt vom schreibenden Ich ab, nicht weit vom Stamm sammeln sich die Blätter der frühen Jahreszeiten, die auch Jugendzeiten waren. Das letzte Laub vor dem Winter.
Laub vor dem Winter verbindet die vergänglichen Vorgänge in der Natur mit dem lyrischen Ich und seinem Tun: dem Schreiben. Wie die Bäume ihre Blätter spriessen lassen und am Ende verlieren, lässt es auch der Autor auf Blättern spriessen, ohne der Vergänglichkeit zu entgehen.

In diesem Herbst
dämpfe ich mich zu
sanfter Vergilbung

warte auf die Heimkehr
in die Schwarz-weiss-Fotos
meiner Kindheit

Der Fluss vor dem Fenster mit den ihn säumenden, rauschenden Bäumen ist ihm Trost und Sinnbild, das nahe Wasserschloss der zusammenströmenden drei Flüsse «unterm Brugger Berg» wird zur Utopie. Hier lebt die Wasseramsel, der der Autor abschliessend einen jambischen Zyklus über die grundlegenden geometrischen Formen widmet.

Das alles ist vom Autor behutsam gesetzt und mit leiser Melancholie durchwirkt. Im Geschriebenen wird er Teil seiner Beobachtungen. «In die Leere meines Kopfes / dringen Laute», woraus sich Worte, Sätze, Seiten aufbauen, derweil er versucht, «den Überblick / über die Trümmer / meiner Ruhe zu bewahren». Um Halt bemüht im Grund der Worte, bis zum letzten Punkt.

Böime, Böime!

Bäume und Blätter gibt es auch in Beat Brechbühls neuer Lyrik. Und wo «Böime, Böime» sind, ist auch der Wald nicht weit. Dieser Liebes- und Lobgesang dreht sich – speziell in der ersten Abteilung – ganz um die Unvergänglichkeit der Bäume, welche hält, selbst wenn der Mensch diese platt macht und weg rodet. Die Schöpfung ist grösser als «wir Fresser», die sich alles unterwerfen.

Im  Baum zu Babel
hat alles seine Sprache;
nur die Menschen verstehen sie nicht.

Das Hohelied auf die natürliche Kraft verquickt Brechbühl mit einer poésie enragée: Eine zivilisationskritische Leidenschaft verleiht seiner Lyrik etwas höchst Widerborstiges und Ungeregeltes. Zuweilen neigt der Dichter zu lyrischem Pathos, um sich handkehrum betont und mutwillig im hohen Ton zu vergehen, indem er saloppe, lapidar klingende Wendungen wie «einfach Scheisse, Null» einstreut. Auf diese Weise markiert er Differenz und verankert die Vergänglichkeit des poetischen Ideals in den Niederungen der alltäglichen Banalität. Dass derlei zuweilen auch abenteuerlich klingt, liegt in der Natur der Sprache Brechbühls.

Der Charme seines Dichtens besteht in  der formalen Spannweite. Freuden und Ängste werden darin verhandelt, Skepsis, Liebe und Leidenschaft – mit einer weiten Palette an lyrischen Ausdrucksformen, die Brechbühl souverän beherrscht. Mal gibt er sich flapsig («Bin sauer»), handkehrum zeigt er sich verleibt ohne Wenn und Aber wie in «Das Papier»: «- die erotische Trocken-/ wiese für meine Worte».
Übers Ganze indes bleibt der Autor bescheiden. Er inszeniert sein lyrisches Ich als Dichter mit kleiner Ambition: «Nix Karriere. / Stolz, oder Einbildung, blöd oder / was. Oder gar Bescheidenheit vor sich / selbst & Feind & Freund» - so lautet  der lange Titel eines der Gedichte.

Beat Brechbühl ist einer, der provoziert, dabei aber nie laut wird. Ein Verschmitzter, der das Handwerk kennt und liebt ohne aufs Publikum zu schielen: «Ich mahle, wenn / das Mahlgut für mich stimmt.» Poesie und politischer Alltag geraten einander nur allzu oft in die Quere, doch Verdriesslichkeit bleibt ein Tagesgeschäft, denn «und morgen werfe ich mich / vielleicht / wieder an».

Von weitem

So lose, leidenschaftlich, disparat sich Brechbühl der lyrischen Form hingibt, so formal gebändigt, kompakt erscheinen dagegen Ingrid Fichtners Gedichte. Im Nachwort erinnert Markus Bundi an eine Tagebuchnotiz von Franz Kafka: «Jeder Mensch trägt ein Zimmer in sich». Dem wäre der Titel von Xavier de Maistres Die Reise um mein Zimmer beizugeben. Ingrid Fichtner holt die Welt in ihr Zimmer, das sie lyrisch in allen Facetten auskundschaftet, beschreibt und dabei besonders auf die Zwischentöne und das Dahinter achtet. Programmatisch mit letzterem beginnt der erste Zyklus: «Und hinter den Dingen» – gefolgt von «Zwischen hier und dort».

In dieser Ritze oder Falte des Erkennens bewegt sich das lyrische Ich. Es zögert und geht, zögert und steht in der Welt – und «spricht» die Dinge, wie es der Schöpfer einst tat und es seither nur die Engel vermögen. Diese anrufend sind Ingrid Fichtners Gedichte ein suchendes Ansprechen der Welt in ihrem eigenen genuin poetischen Raum. Allenthalben findet sich darin der Titel des Buches verkörpert, der doppelt lesbar ist als «von weitem» sehen wie «von Weitem»  berichten.

ROCAILLES
und welche Losigkeit und
Strenge und wie weit ins
Weite diese … Ordnung
der Liebe: das Schreiben
ist eine Praxis des Lebens
(...)

Das Schwebende in Fichtners Verfahren sucht Halt in der kunstvollen, akkuraten Form. So selbstverständlich das eigene Zimmer anmutet, so unerkannt und ungeahnt ist es. Zwischen Wissen und Ahnung sucht hier die Sprache ihren Ort.
Nebst neuen Gedichten in den ersten drei Kapiteln findet sich in dem Band auch Lyrik aus den Jahren 1995-2012 ausgewählt und neu arrangiert.

Eine Reihe mit Aussicht

Zu vervollständigen wäre der Jahrgang 2014 der REIHE mit zwei zweisprachigen Bänden: zum einen mit Gedichten des Zürcher Lyrikers und Übersetzers Markus Hediger: Va-t’en. Oublie / Geh. Vergiss. Er schreibt in seiner Zweitsprache Französisch und lässt die Gedichte von Yla M. von Dach übersetzen. Zum andern mit Versen in Englisch und Deutsch (übersetzt) des britisch-schweizerischen Autors Marc Vinzenz: Additional Breathing Exercises - Zusätzliche Atemübungen.

Auf diesen vierten folgt bald der fünfte Jahrgang. Die REIHE wird im Januar fortgeführt mit Thomas Dopplers Ich sehe das anders sagte der Igel. Danach ist im Februar ein Band mit japanisch-schweizerischen Gedichten von Klaus Merz, Tanikawa Shuntaro, Raphael Urweider, Kaku Wakako zu erwarten, der die Neugier kitzelt; und gespannt sein darf man danach auch auf die Lyrik des autistisch veranlagten Kai Hilpert.

Die REIHE wirbt mit Recht dafür, dass sie einer der seltenen Orte in der Schweiz ist, wo regelmässig Lyrik erscheint. Im Nachwort zu Ingrid Fichtner schreibt Markus Bundi, dass «auf der Schwelle zwischen (vermeintlicher) Realität und je eigenem Empfinden die spannendsten Konflikte» entstehen: das Substrat von Poesie. Seit bald fünf Jahren sammelt er in seiner REIHE solche Wechselwirkungen in lyrischer oder prosaischer Form. Keine Kleinigkeit!

Bibliographie:
Arthur Steiner: Stechwetter. Erzählungen. 2014 (= Band 20)
Christian Haller: Laub vor dem Winter. Gedichte. 2014 (=Band 17)
Beat Brechbühl: Böime, Böime! Permafrost & Halleluia. Gedichte. 2014 (= Band 16)
Ingrid Fichtner. Von weitem. Gedichte. 2014. (= Band 19)
Marc Vinzenz: Additional Breathing Exercises - Zusätzliche Atemübungen. 2014 (= Band 15)
Markus Hediger: Va-t’en. Oublie / Geh. Vergiss. 2014 (= Band 18)

Alle Titel aus DIE REIHE, hg. von Markus Bundi, Wolfbach Verlag, Zürich 2014.