Moderne Poesie in der Schweiz

Gespräch mit Roger Perret über seine Anthologie

Approfondimento del 22/04/2014 di Ruth Gantert

Roger Perret komponiert in seiner 640-seitigen Anthologie eine Geschichte der Schweizer Poesie in lockerer chronologischer Reihenfolge, von Blaise Cendrars bis Büne Huber. 28 Kapitel, deren berückende Titel jeweils einem der Gedichte entstammen, lassen ihre Texte bald auf der formalen, bald auf der thematischen Ebene in einen Dialog treten. Bekannte Namen treffen auf vergessene Lyrikerinnen, gefeierte Dichter auf Art-Brut-Vertreterinnen, die Landessprachen und verschiedene Mundarten auf Albanisch, Englisch, Spanisch und Jiddisch. Der schön gestaltete und bebilderte Band präsentiert neben den auf Deutsch übersetzten Gedichten auch die Originalversion. Das Buch ist ein Lesegenuss – und eine editorische Grosstat.
Im Gespräch stellt Roger Perret das Projekt vor und spricht über seine Kriterien für die Zusammenstellung der Anthologie.

Moderne Poesie in der Schweiz. Eine Anthologie − können Sie etwas dazu sagen, wie Sie zu diesem Projekt gekommen sind und was Ihnen dabei wichtig war?

Roger Perret: Ich habe schon als Student an Anthologien mitgearbeitet, Belege und Helvetische Steckbriefe, und mich da mit dem Anthologie-Virus infiziert. [Belege. Gedichte aus der deutschsprachigen Schweiz seit 1900. Zürich: Artemis, 1978, und Helvetische Steckbriefe. 47 Schriftsteller aus der deutschen Schweiz seit 1800. Zürich: Artemis, 1981, NdR.]. Später befasste ich mich mit voranthologischen Projekten, so gab ich Dunkelschwestern heraus über Sonja Sekula und Annemarie von Matt [hrsg. von Roman Kurzmeyer und Roger Perret. Zürich: Scheidegger & Spiess, 2008], oder Unsterbliches Blau mit Texten und Bildern zu Ella Maillart, Nicolas Bouvier und Annemarie Schwarzenbach [Zürich: Scheidegger & Spiess / Genève: Zoé, 2003]. Und natürlich verfolge ich als Projektleiter in der Abteilung Darstellende Künste und Literatur bei der Direktion Kultur und Soziales des Migros-Genossenschafts-Bundes die zeitgenössische Lyrikproduktion der Schweiz seit langem intensiv. Das Hörbuch Wenn ich Schweiz sage ..., entstand bereits im Auftrag von Migros-Kulturprozent und war der Auslöser für diese Anthologie [Wenn ich Schweiz sage ... Schweizer Lyrik im Originalton von 1937 bis heute. Moderne Gedichte in acht Sprachen, hrsg. von Roger Perret und Ingo Starz. Basel: Christoph Merian, 2010]. Allerdings hatte ich diesmal etwas ganz Neues im Sinn: Erstens wollte ich nicht die bekanntesten Texte nehmen, die ja schon in der Hör-Anthologie vertreten sind, sondern eher die Unbekannten – sowohl was die Autoren als auch was ihre Texte betrifft. Tatsächlich gibt es keine einzige Überschneidung zwischen den CDs und der Buchanthologie. Zweitens sollten die vier Landesregionen vereint sein, und zwar nicht gesondert, mit alphabetisch geordneten Vertretern, sondern in einem Dialog. Die Sprachen sollten sich in den Kapiteln mischen, und dann auch wieder nicht – damit Ähnlichkeiten hervortreten, aber auch Unterschiede. Dabei hielt ich mich an eine chronologische Linie, von 1900 bis 2013, denn ich wollte das Bild einer Epoche entstehen lassen. Man kann das Buch wie eine Literaturgeschichte lesen, und ich verstehe es auch als eine Forschungsarbeit. Es ist nicht nur eine schöne Blütenlese, sondern Irritierendes findet darin Platz, Entdeckungen können gemacht werden, Unbekanntes erscheint neben Bekanntem. Ganz wichtig war mir die Abfolge: Das Buch ist ein durchkomponiertes Ganzes. Als begeisterter Musikhörer liess ich mich dabei von der Musik leiten. Auch auf einer CD zählt nicht nur das einzelne Stück, sondern die Orchestrierung der Titel im Zusammenhang. Ins Literarische übersetzt sehe ich mich wie ein Produzent, der im Werk auch eine Stimmung erzeugen will: Die Feinheiten sind wichtig, aber auch der Gesamteindruck.

Was ist «Poesie»? Diese Frage stellt sich auch bei der Auswahl gewisser Texte: In Ihrer Anthologie sind auch Prosatexte zu lesen, zum Beispiel von Robert Walser, Charles-Albert Cingria und Adelheid Duvanel.

«Was ist Poesie?» bleibt eine Frage, die diese Anthologie auch stellt. Für mich geht es um Sprachkunstwerke, Verdichtung. Bei den ausgewählten Prosatexten sollte die Sprache  im Vordergrund stehen, die Dichte der kunstvollen Formulierungen, der Rhythmus, der Klang und nicht das Narrative – bis auf ein oder zwei Ausnahmen, denn die Verletzung der Regel muss auch sein! Cingrias Texte verweigern sich der literarischen Kategorisierung und stehen dem «Poème en prose» näher als der erzählenden Prosa, was auch für manche Arbeiten von Robert Walser gilt: seine kurzen Prosastücke sind fast noch poetischer und überzeugender als seine Lyrik.  Aus diesen Gründen habe ich den Begriff «Poesie» gewählt: Er ist weiter und umfassender als «Lyrik». Inspiriert war ich von Hans Magnus Enzensbergers Museum der Modernen Poesie [Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1960] und von Joachim Sartorius’ Atlas der neuen Poesie [Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1995] – zwei Anthologien, die für mich Vorbildcharakter hatten und haben.

Und wie halten Sie’s mit der Schweiz? Ihre Anthologie enthält Gedichte von Else Lasker-Schüler, von Lajser Ajchenrand und von Alfonsina Storni, die nicht unbedingt als «Schweizer» wahrgenommen werden.

Im Titel steht ja auch nicht «Schweizer Poesie»! Ich wollte nicht Schweizer Mythen abbilden, sondern wissen, was hier lyrisch-poetisch passiert ist, ohne dabei auf den Pass der Dichterinnen und Autoren zu schauen. Ein Bezug zur Schweiz musste aber schon gegeben sein – entweder sind die Gedichte in der Schweiz entstanden, oder ihre Urheberin stammt aus der Schweiz, wie das bei Alfonsina Storni der Fall ist. Zu bestimmten Zeiten finden sich die einschlägigen Texte einfach nicht bei «reinen Schweizern», so wurde der erste Weltkrieg literarisch von Autoren verarbeitet, die nicht in der Schweiz geboren sind, wie Hugo Ball, Otto Nebel, Emmy Ball-Hennings oder Claire Goll. Die Vorkriegsspannungen der Dreissiger Jahre reflektieren Autorinnen wie Meret Oppenheim, die damals in Paris lebte, Sonja Sekula und Annemarie von Matt für mich überzeugend.

Wie sind Sie bei der Auswahl vorgegangen? Haben Sie Quoten berücksichtigt für das Verhältnis Mann/Frau oder für die vier Sprachregionen?

Ich hielt es nicht mit den Quoten, damit kommt man auf keinen grünen Zweig. Als Basis machte ich eine Autorenliste, die ich immer wieder überarbeitete. Kernpunkt der Auswahl war die Qualität und die Frage, ob jemand ins Gefüge passt. Zwischendurch zählte ich dann schon und stellte fest, dass die Deutschschweiz etwa die Hälfte ausmacht, und die anderen Landesteile die andere Hälfte. Das scheint mir gut so, das Buch richtet sich ja auch in erster Linie an ein deutschsprachiges Publikum. Die Anzahl der Frauen beträgt etwa ein Drittel, ist also ganz beträchtlich. Es gibt auch ein Kapitel, in das ich nur Frauen aufnahm. Es war mir wichtig, diese Autorinnen verschiedener Regionen zusammen zu präsentieren und nicht aufzusplittern, weil sie sonst verloren gegangen wären. Ich wollte zeigen, dass Dichterinnen gewisse Themen auf ihre Weise angehen.

Wie fanden Sie diese Kapitelthemen, und wie stellten Sie die Texte zusammen?

Einige Themen hatte ich schon im Kopf und musste sie nur noch mit Texten füllen, wie «Pioniere», «Dada und erster Weltkrieg», «Dreissigerjahre», «Schweiz im Zweiten Weltkrieg», «Konkrete Poesie» und «Mundart». Schwieriger wurde es, je kürzer der zeitliche Abstand war – das letzte Kapitel mit Songtexten und Spoken Word stand jedoch auch bereits fest. Andere Themen entstanden aus den ausgewählten Gedichten selbst, wie zum Beispiel die Gruppe «Weg». Es war ein Hin und Her zwischen Konzept und einzelnen Entdeckungen, zwischen Inhalt und Form, Rhythmus und Tonalität, Anordnung der Texte auf einer Seite, Verbindungen und Brüchen. Manchmal hat das etwas Magisches: Gewisse Texte ziehen einander an, das ist einfach so, das kann man nicht wissenschaftlich erläutern.

Viele der im Buch vertretenen Dichter und Dichterinnen lebten und starben in psychiatrischen Kliniken. Auffallend häufig stammen die ausgewählten Texte und Abbildungen aus der sogenannten «Art Brut» – weshalb?

Es handelt sich hier um zwei verschiedene Dinge: Einerseits suchte ich Texte zwischen 1900 und 1945, die die ungeheuren politischen und seelischen Spannungen jener Zeit auf moderne, avantgardistische Weise reflektierten, und da stiess ich auf Werke der Art Brut, zum Beispiel von Adolf Wölfli oder von Constance Schwartzlin-Berberat – eine Entdeckung, so meine ich. Da ist etwas Ursprüngliches, Spontanes, auch eine Gebrochenheit und Sprachreflexion. «Verrückt» sein allein reicht natürlich nicht, es gibt unter den «Irren» genau so wenig Künstler wie unter den «Normalen» – es braucht schon ein Gespür für die Sprache, damit man zu neuen Ufern aufbricht. Die Art Brut-Autoren kannten die Moderne nicht und haben vor ihrem Klinikaufenthalt nicht als Künstler gearbeitet. Umgekehrt gibt es bewusst arbeitende Autoren wie Robert Walser, Friedrich Glauser, Hans  Morgenthaler und Annemarie Schwarzenbach, die in einer psychiatrischen Anstalt landeten und mit der Diagnose «schizophren» konfrontiert wurden. Walser ist ja nicht in der Klinik zum Dichter geworden, im Gegenteil, dort ist er dann verstummt. Auffallend ist für mich, dass in der Schweiz viele der wichtigsten Dichter vor dem zweiten Weltkrieg für wahnsinnig erklärt wurden – was es damit auf sich hat, müsste man einmal untersuchen!

Gedichte, die sich intensiv der Landschaft einer Region widmen, scheinen sich vor allem in der Romandie zu finden, während Dürrenmatts «Schweizer Psalm» oder Alexander Xaver Gwerders «Homo Helveticus» beissende Kritik an ihrem Land üben. Gibt es einen «poetischen Röstigraben» in der Schweiz?

Maurice Chappaz hat wunderbare Landschaftsgedichte über das Wallis geschrieben, aber er hat es ja auch kritisiert. Es ist nicht so, dass die Dichter der Romandie politisch abstinent wären. Doch die Westschweizer Lyrik ist sicher noch mehr der Tradition verpflichtet, einem meditativen, «hohen» Ton. Da gibt es bis heute grossartige Beispiele, wie Philippe Jaccottet oder Anne Perrier. In der Deutschschweiz zeigte die experimentelle Poesie stärkere Wirkung. Die konkrete Poesie hat eigentlich keine frühen Vertreter in der Romandie.  Deshalb habe ich aus der heutigen Zeit auch Westschweizer Autorinnen ausgewählt, die experimentell arbeiten, wie Heike Fiedler und Isabelle Sbrissa – mal sehen, wie sie sich entwickeln.

Inwiefern spielt die Mehrsprachigkeit der Schweiz eine Rolle in Ihrer Anthologie?

Alle nicht deutschsprachigen Texte sind im Original und in der Übersetzung zu lesen. Und dabei handelt es sich ja nicht nur um die anderen drei Landessprachen, sondern auch um Gedichte in Englisch, Spanisch, Jiddisch und Albanisch – und, nicht zu vergessen, in verschiedenen Dialekten! Ohne die Übersetzerinnen und Übersetzer gäbe es dieses Buch nicht. Christoph Ferber, Markus Hediger, Jacqueline Aerne und andere haben mir unschätzbare Hilfe geleistet und mich auch in der Auswahl beraten.
Dass viele Autoren mehrsprachig arbeiten, ist einmalig in der Literaturlandschaft der Schweiz. Kurt Marti schreibt ganz andere Texte in Berndeutsch als in Hochdeutsch. Es wäre interessant, zu untersuchen, weshalb und wann gewisse Autoren auf die Mundart  zurückgreifen. Eugen Gomringer hat Texte in fünf verschiedenen Sprachen verfasst. Der Tessiner Franco Beltrametti, der lange in den USA lebte, schrieb neben italienisch auch auf Französisch und Englisch. Die Mehrsprachigkeit kann ein Mittel sein, um aus gewohnten Bahnen auszubrechen. Durch den Sprachkontakt, speziell auch durch das Nichtbeherrschen der Sprache, ergeben sich manchmal interessante Möglichkeiten. Gerade das grammatikalisch Schiefe kann zu ästhetisch unkonventionellen und überraschenden Resultaten führen.

Wäre es denkbar, die Anthologie ihrerseits in andere Sprachen zu übersetzen?

Das wäre schwierig – schon wegen der Rechte! Auch eine Zweitausgabe ist aus rechtlichen Gründen nicht möglich.

Das Buch beginnt mit Cendrars «Contrastes», und endet mit Büne Hubers Mundartsong «bälpmoos». Können Sie etwas zum Anfangs- und Schlusspunkt sagen?

Das erste Gedicht musste leitmotivisch sein und was gibt es da Schöneres als «Die Fenster meiner Poesie sind weit geöffnet zur Strasse»? Die Offenheit steht am Beginn der Moderne. Der Dichter ist nicht mehr im Elfenbeinturm, er schaut auf die Aussenwelt, auf den Alltag. Offen wollte ich auch in meiner Arbeit sein: für verschiedene Autoren, Dichterinnen, Sprachen, Formen. Büne Huber postuliert den Blick ins Fremde, und dies in einem Songtext in Mundart: «bälpmoos – spick mi furt vo hie», vielleicht die Form von Poesie, die für die Jugend heute wichtig ist. Bei Cendrars geht der Blick hinaus auf die Strasse, bei Büne Huber weg in die Welt – das schien mir ein guter Abschluss zu sein, und auch ein typisch schweizerisches Motiv.