Ein Leben für die Literatur

Ruth Binde (Biographie von Alexander Sury, Gockhausen, Wörterseh-Verlag)

Approfondimento del 11/12/2013 di Liliane Studer

Wer Ruth Binde einmal begegnet ist, wird sie so schnell nicht wieder vergessen: Die kleine Frau mit den blitzenden Augen und dem sympathischen Lächeln – in Erinnerung habe ich, dass sie meist ein blaues adrettes Kostüm trug mit einem passendem Foulard, das weich und anschmiegsam fiel – war immer im Einsatz, für das Buch, das sie unbedingt unter die Leute bringen wollte. Und ein Buch zum Anpreisen hatte sie dabei, wo immer man ihr auch begegnete. Sie war jeweils gut zu hören, mit ihrem Dialekt, der zwar eine zürichdeutsche Färbung hatte, eindeutig aber nach Berndeutsch tönte, und sie konnte ausführlichst über ein Buch reden, so lange, bis sie wusste, dass eine Rezension geschrieben würde, und zwar eine, die den Absatz förderte. Man gehörte gerne zum Kreis um Ruth Binde, nicht nur die Journalistinnen und Autoren, auch Politikerinnen und Verleger schätzten die Presseagentin, die von Leidenschaft für das Buch getrieben war. An den Binde-Festen wollten alle mit dabei sein, Roger Schawinski und Urs P. Gasche, Klara Obermüller, Adolf Muschg, Egon Ammann ebenso wie Magi und Josef Estermann oder Emilie Lieberherr. Und ohne sich ins Gästebuch eingetragen zu haben, ging niemand hinaus. Ruth Bindes Autographensammlung, die mit den Eintragungen in das »Vergissmeinnicht« begonnen hatte – das Büchlein bekam sie als Kind von ihrer Halbschwester zum vierzehnten Geburtstag geschenkt –, ist einzigartig und wurde dem Literaturarchiv übergeben, nachdem sie noch im Rahmen einer Ausstellung beim bekannten Antiquar Peter Bichsel Fine Books in Zürich zu bestaunen gewesen war.

Eine grosse Portion Eigenständigkeit brauchte Ruth Binde schon früh, um das zu tun, was nicht unbedingt für ein Mädchen mit Jahrgang 1932 vorgesehen war. Doch wuchs sie in einer Familie auf, in der einiges nicht wie bei den anderen war. Eine solche Kindheit und Jugend prägt und macht stark. Ihr Vater, Fritz Schwarz, lebte in zweiter Ehe mit Elly Glaser zusammen, die beiden lernten sich kennen, als Schwarz noch verheiratet, seine Frau Anna aber bereits seit Langem an Multipler Sklerose erkrankt war. Fritz Schwarz, Lehrer, später Politiker und Redaktor, forderte und förderte seine Tochter, und sie folgte ihm gerne auf dem Weg, der auch steinig werden konnte für die, die sich nicht auf Kompromisse einlassen wollte. Und Ruth Binde war und blieb konsequent. So erlebte sie immer wieder heftige Abbrüche in ihren Beziehungen mit Arbeitgebern, Freunden oder später, als sie als selbständige Presseagentin arbeitete, mit Kunden. Sie gab sich ein mit allem, was sie hatte, und sie stiess damit an und vor den Kopf. Denn Halbheiten waren ihre Sache nicht.

Dass sie auch verletzliche Seiten hat, dass sie hart kämpfen musste als alleinerziehende Mutter eines Sohnes, dass sie litt, wenn wieder ein Arbeitsverhältnis gekündigt wurde, und wieder aus heiterem Himmel, das alles zeigt Alexander Sury in seiner Biographie über Ruth Binde auf. Er muss unendlich viel Material gesichtet, sich unzählige Male mit ihr getroffen haben, er hat sich eingelesen und hineingeben in die Welt der Ruth Binde – und doch bedauert man beim Lesen, dass es ihm nur an wenigen Stellen gelingt, mehr als Fakten aufzuführen, diese lebendig werden zu lassen, etwas von der quirligen Persönlichkeit der Ruth Binde sprachlich wiederzugeben. Es ist ein spannendes Leben, das er schildert, darum liest man die Ausführungen gerne, obwohl ihnen die Emotionalität, die Intensität und dieses Etwas, das Ruth Binde einzigartig macht, fehlen.

Ruth Binde war eine Instanz im Literaturbetrieb von Zürich und Umgebung. Sie hat unendlich viel für das Buch, die Autorinnen und Autoren und die Verlage gemacht, sie war eine Vollblut-Vermittlerin, die keine Berührungsängste kannte, die nicht strikt zwischen U- und E-Literatur unterscheiden mochte. Ruth Binde überschritt auch geografische und sprachliche Grenzen: Als Pressefrau für den Salon du livre in Genf versuchte sie alles, um die deutschsprachige Literatur in die Romandie zu bringen und die Deutschschweizer Verlage für den Salon zu begeistern. Einige erinnern sich denn auch noch an den Literaturzug nach Genf – und bedauern, dass auch das zur Vergangenheit gehört. So ging es Ruth Binde darum, wo immer möglich ein Buch zu den Leserinnen und Lesern zu bringen und viele Menschen vom Wert der Bücher zu überzeugen. Für dieses Engagement erhielt sie denn auch 1998 die höchste kulturelle Auszeichnung des Kantons Zürich, nämlich die Goldene Ehrenmedaille für kulturelle Verdienste.

Zwar ist es ruhiger geworden um Ruth Binde, sie ist nicht mehr so oft an Veranstaltungen anzutreffen, doch sie bleibt aktiv. So gab sie ab 2007 die Bücher von ihrem Vater Fritz Schwarz neu heraus und stellte insbesondere dessen Band Wenn ich an meine Jugend denke (3. Auflage, Synergia 2010) dem Publikum in Lesungen vor – um den Verkauf anzukurbeln –, sie kocht Konfitüre ein, besucht Theater- und Opernaufführungen oder Ausstellungen, und sie pflegt Beziehungen, nicht zuletzt jene zum Sohn und dessen Familie, die in der Toskana lebt – wo sie auch ihre letzte Ruhestätte bereits bestimmt hat.