Laure Wyss zum Hundertsten

Eine Rückschau in Zitaten

Approfondimento del 09/08/2013 di Alexandra von Arx

Am 20. Juni 2013 wäre Laure Wyss hundert Jahre alt geworden. Zum Geburtstag erinnerten zahlreiche Hommagen in den Medien an die Schweizer Journalistin und Schriftstellerin. Über ihr Leben und ihre Leistungen wurden viel geschrieben und auf die soeben im Limmat Verlag erschienene Biografie von Barbara Kopp Leidenschaften einer Unangepassten verwiesen.
Viceversa hat aus den verschiedenen Pressestimmen eine Rückschau in Zitaten zusammengestellt.

Schreiben, um Widerstand zu leisten

«Sie war beides, Journalistin und Schriftstellerin, und beides war sie mit einer grossen und genauen Leidenschaft: Laure Wyss hat ein intensives und durchaus eigensinniges Leben gelebt. Nach einer behüteten Kindheit und Jugend in Biel macht sie sich zunächst auf eigene Faust nach Paris auf, wo sie an der Sorbonne studiert. Es folgen Studien in Zürich und Berlin. Früh schon ist sie eine umschwärmte Frau, und früh auch ist sie darauf bedacht, ihre Unabhängigkeit zu wahren. Sie hat es sich damit nicht einfach gemacht. Als sie 1937 heiratet – den Bruder einer Freundin, von Beruf Architekt –, tut sie das mit trotzigem Blick in Richtung Elternhaus. Weil für den Ehemann die Aussichten auf Arbeit schlecht sind, ziehen sie erst einmal weit weg von Biel, nach Stockholm. Dort wird Laure Wyss die schwedische Sprache erlernen, und bald schon kann sie für den Schweizerischen Evangelischen Pressedienst und den Evangelischen Verlag Texte aus dem Schwedischen und anderen skandinavischen Sprachen übersetzen.» (Martin Zingg, NZZ, 20.06.2013)
«„Meine Waffen waren ja nur die Sprache, das Wort. Meine einzige Möglichkeit war, Widerstand durch Schreiben zu leisten: Flugblätter gegen Panzer“, erklärte Laure Wyss einst.» (Corinne Buchser, SRF, 20.06.2013)
«Mitten im Krieg, 1942, muss das Paar in die Schweiz zurück. Sein Weg führt erst nach Basel, dann nach Davos, wo die NSDAP in jenen Jahren ihre schweizerische Hochburg hat. Dort wird Laure Wyss das Handwerk einer Redaktorin und Journalistin erlernen, in der Küche von Jules Ferdmann. Dieser, ein russischer Jude, gibt die Zeitschrift «Davoser Revue» heraus: „Er war der Enkel eines Rabbiners und wusste, was die Nationalsozialisten im Dorf über ihn dachten“, schreibt Barbara Kopp, die Autorin der soeben im Limmat-Verlag erschienenen Laure-Wyss-Biografie. [...] 1945 erfolgt in Davos die Scheidung. Aus der «Frau» wird, nach damaligen Gebräuchen, wieder ein «Fräulein». [...] Die frisch Geschiedene verliebt sich auf einer Reise in einen Mann [Emil Bösch], der als IKRK-Delegierter unterwegs ist und später als Anwalt und Nationalrat tätig sein wird. Er ist verheiratet – und er ist der Vater des Sohnes, der 1949 zur Welt kommt. Laure Wyss’ Hoffnungen auf einen gemeinsamen Hausstand zerschlagen sich bald.» (Martin Zingg, NZZ, 20.06.2013)
«Als Alleinerziehende mit einem ausserehelichen Sohn, war Laure Wyss auf sich allein gestellt. Ab 1950 verdiente sie ihren Lebensunterhalt als Redaktorin verschiedener Zeitschriften und Tageszeitungen.» (Irene Widmer, Südostschweiz, 19.06.2013)
«Im September 1950 erschien die erste Frauenbeilage des Luzerner Tagblatts, der Frauen-Spiegel. Die Zeitung war zwar ein freisinnig-liberales Blatt, jedoch konservativer Ausrichtung. Man war für Frauenbildung, aber gegen das Frauenstimmrecht und gegen die Berufstätigkeit verheirateter Frauen und Mütter. [...] Der Verlagsdirektor stellte mit Laure Wyss die erste Frau auf der Redaktion des Luzerner Tagblatts ein. [...] In ihren eigenen Artikeln übte Laure Wyss wohldosiert Kritik an hausfraulicher Putzwut und Selbstaufgabe, an mütterlicher Parteilichkeit, die den Sohn vor dem Haushalt verschonte und die Tochter zur Heirat drängte. Bei Themen, die ihr zu gewagt oder zu persönlich erschienen, verzichtete sie auf ihren Namen, oder sie verwendete das Pseudonym lew, polnisch «Löwe», zugleich ihr Akronym. Sie vertraute auf die ausgleichende Wirkung der Themenmischung und platzierte Widerständiges an unauffälligen Stellen.» (Barbara Kopp, Zeit Online, Auszug aus der Biografie, 13.06.2013)
«Laure Wyss überwand immer wieder gesellschaftliche Hindernisse. Sie wehrte sich: „Gegen einengende Konventionen, die wie eine Haube über Wünsche und Pläne gestülpt worden waren.“ Wyss war eine Kämpferin und eine «Schwerarbeiterin», wie sie sich selbst einmal in ihren Notizen bezeichnete. Engagiert setzte sie sich als Journalistin und Schriftstellerin für die Selbstbestimmung und Gleichberechtigung der Frauen und für soziale Gerechtigkeit ein.» (Corinne Buchser, SRF, 20.06.2013)
Laure Wyss war ausserdem «fürs Schweizer Fernsehen tätig, wo sie ab 1958 das Frauenressort aufbaute. Sie produzierte Sozialreportagen, vorzugsweise über Frauen und Minderheiten, am liebsten Strafgefangene. Auch Themen wie Homosexualität und Verhütung brachte sie aufs Tapet – damals noch ganz heisse Eisen.» (Irene Widmer, Südostschweiz, 19.06.2013)
1963 wird sie Redaktorin beim Tages-Anzeiger.
«Mit ihrem tiefen, herzhaften Lachen ging Laure Wyss dem Leben entgegen, eine, die uns Nachgeborenen nicht nur Vorbild war, sondern Vorbilder auch zum Leben brachte. Ohne sie wäre die Schweizer Literatur ärmer um Autoren wie Peter Bichsel, Jürg Federspiel, Hugo Loetscher, Mariella Mehr, Niklaus Meienberg, Adolf Muschg, Isolde Schaad und viele mehr. Laure Wyss hat sie alle gefördert und ihre Texte im Magazin des Tages-Anzeigers, das sie initiierte und konzipierte, veröffentlicht. Und sie lancierte 1970 die erste Wochenendbeilage mit der Parole amerikanischer Feministinnen auf dem Titelblatt – „Make war not love.“» (Daniele Muscionico, EMMA, Juli/August 2013)
«Es ist wohl kein Zufall, dass gerade in dieser Zeit ihre Beziehung zum sechs Jahre älteren ETH-Literaturprofessor Karl Schmid nach zwei Jahrzehnten an Bedeutung verlor. Laure Wyss hatte den Höhepunkt ihres journalistischen Wirkens erreicht, sie setzte sich mit Feministinnen auseinander und liess im «Tages-Anzeiger Magazin» junge Autoren wie Hugo Loetscher, Peter Bichsel, Jürg Federspiel und Niklaus Meienberg zu Wort kommen. Schmid hingegen stand am Ende seiner militärischen und akademischen Karriere und haderte mit vielen Schriftstellern, denen er sich nahe gefühlt hatte und die er jetzt nicht mehr verstand. Ausführlich schildert Barbara Kopp die Schwierigkeiten dieser Liaison, die nur dann gelebt werden konnte, wenn «Madame», Karl Schmids Ehefrau Elsie Attenhofer, als Kabarettistin auf Tournee war.» (Thomas Feitknecht, Tages-Anzeiger, 20.06.2013)
«Sie war 63 Jahre alt, als sie ihr erstes Buch publizierte. Sie wagte sich selbst erst nach ihrer Pensionierung aufs literarische Terrain. Früher hätte sie es sich nie zugetraut, sagte Laure Wyss.» (Corinne Buchser, SRF, 20.06.2013)
«Sie begann mit dokumentarischer Literatur und schrieb Romane, Gedichte, Erzählungen.» (Martin Zingg, NZZ, 20.06.2013)
«Ihr erstes Werk Frauen erzählen ihr Leben. 14 Protokolle war 1976 noch schwer in einem Verlag unterzubringen – zu deprimierend fanden die Verleger die darin geschilderten, verpassten Leben der Frauen. Mutters Geburtstag war 1978 ihr erstes, auf eigener Erfahrung beruhendes, belletristisches Buch. Es folgten unter anderem Ein schwebendes Verfahren über eine Strafgefangene (1981), Das rote Haus über die Nöte von drei alternden Schwedinnen (1982) und der Bestseller Weggehen ehe das Meer zufriert über Königin Christina von Schweden (1994).» (Irene Widmer, Südostschweiz, 19.06.2013)
«Es war ein überaus produktives Vierteljahrhundert, in dem ein literarisches Œuvre entstand, das sich folgerichtig aus dem vorangegangenen journalistischen Schaffen entwickelte. Als Wyss’ Erstling Mutters Geburtstag 1981 in die renommierte, von Otto F. Walter begründete Sammlung Luchterhand aufgenommen wurde, war das eine Anerkennung und Würdigung als «richtige» Schriftstellerin.» (Thomas Feitknecht, Tages-Anzeiger, 20.06.2013)
Laure Wyss starb am 21. August 2002 im Alter von 89 Jahren in Zürich, wo sie seit 1945 gewohnt hatte. Feierliche Veranstaltungen, eine neue Biografie, ein nach ihr benannter Park in ihrer Heimatstadt Biel und eine eigene Homepage: Zu ihrem 100. Geburtstag wird der „unangepassten“ Medienpionierin und Autorin jetzt eine Anerkennung zuteil, die ihr zu Lebzeiten in diesem Ausmass verwehrt blieb.

Hinweise:
Barbara Kopp: Laure Wyss. Leidenschaften einer Unangepassten. Limmat-Verlag, Zürich 2013. 352 S.
Laure Wyss: Lesebuch. Hrsg. von Hans Baumann und Elisabeth Kaestli. Limmat-Verlag, Zürich 2013. 176 S.
Laure Wyss. Ein Schreibleben. Porträt von Ernst Buchmüller. DVD, 53 Minuten. Limmat-Verlag, Zürich 2013.
Veranstaltung zu Laure Wyss und zu Barbara Kopps Biografie: am 11. September in der Barfussbar in der Zürcher Frauenbadi, Stadthausquai.

Homepage:
www.laurewyss.ch

Zu Barbara Kopp: Leidenschaften einer Unangepassten. Limmat Verlag, 2013.
«Leidenschaften einer Unangepassten» lautet der Untertitel von Barbara Kopps umfangreichem Werk. Was sie mit ihrer glänzend geschriebenen Arbeit präsentiert, ist mehr als nur der Gang durch die Jahre einer bedeutenden Journalistin und Autorin. Zum Lesevergnügen trägt wesentlich bei, dass Barbara Kopp die Stationen dieses Lebens immer wieder in scharf konturierte Tableaus unterteilt und gekonnt inszeniert. Daraus werden gleichsam Momentaufnahmen einer Epoche, die enorme Veränderungen erlebt hat: Mit ihrem bewegten Leben erscheint Laure Wyss vor dieser Folie wie ein Seismograf. Was an Leben und Werk der Wahlzürcherin noch immer fasziniert, ist denn auch ihre unermüdliche und nie triumphierende Reibung mit gesellschaftlichen Realitäten.» (Martin Zingg, NZZ, 20.06.2013)