Was lange weilt, ist das Wort

Zum Tod von Heinz F. Schafroth

Approfondimento del 02/04/2013 di Daniel Rothenbühler

81 Jahre alt wäre Heinz F. Schafroth am 18. März 2013 geworden. Er ist fast eine Woche vorher gestorben, am 12. März, nach langer Krankheit, kaum zwei Monate nach seinem Freund Jörg Steiner. Als er im Januar von dessen Tod erfuhr, wies er auf die Turnschuhe, mit denen er nur noch ausging, um Steiner zu treffen, und sagte: «Die kann ich jetzt auch wegwerfen.»
Literatur ist ihm eine ganz persönliche Sache gewesen, er stand mit allem für sie ein, wenn sie das tat, was er 1968 als Präsident der Literarischen Gesellschaft Biel in deren Jahresbericht schrieb: dass sie «einen aussetzt und ausbürgert». Und er hat zu denen gehalten, die solche Literatur schrieben. In freundschaftlicher Treue im dauernd neu riskierten Ausgesetzt- und Ausgebürgertsein blieb er mehreren Generationen von Autorinnen und Autoren über ein halbes Jahrhundert hinweg ein unersetzlicher Gefährte, und unersetzlich bleibt er nun auf schmerzliche Weise auch nach seinem Tod.
Freundschaft hielt er hoch als Form einer stets sich erneuernden, nie abgeschlossenen Verständigung. Das verband ihn mit den Autorinnen und Autoren, und das suchte er in der Literatur. Diese Verständigung begann für ihn mit dem genauen Lesen, darin blieb er der Altphilologe, der er auch war, leidenschaftlich. Er pflegte das, was der französische Altphilologe Jean Bollack «la lecture insistante» nannte, das insistierende Lesen, das sich immer wieder neu ans Entziffern macht, um dem Text als singulärem Gegenüber gerecht zu werden.
Das verfolgte er als Gymnasiallehrer in Biel von 1957 bis 1992, als Präsident der Literarischen Gesellschaft Biel von 1966 bis 1976, als Leiter – mit Elsbeth Pulver – der Literatur-Wochenenden im Schloss Münchenwiler in den siebziger Jahren, als Dozent an der ETH Zürich – mit Adolf Muschg – von 1978 bis 1999.
Legendär waren seine Blätter mit Textauszügen, über die gemeinsam zu brüten er die jeweiligen Leserrunden aufforderte. In der Tradition der antiken Maieutik lud er sie zum eigenen Entdecken am Text ein, zur beglückenden Erfahrung, etwas zu entdecken, «das noch keiner gesehen hat» (Adolf Muschg). Dafür liebten ihn die Autorinnen und Autoren: Sie entdeckten in ihren Texten mit ihm das, was noch keiner gesehen hatte, auch sie selbst nicht.
Deshalb sind ab Anfang der 1960er Jahre bis ins erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends Autorinnen und Autoren aus allen Himmelsrichtungen zu ihm nach Alfermée gereist und haben mit und dank ihm Biel zu einer Literaturstadt gemacht, lange bevor dort das Schweizerische Literaturinstitut gegründet wurde. Sie kamen auch, weil er – zusammen mit seiner Frau Ruth – Gastfreundschaft in antik uneingeschränkter Grosszügigkeit als absoluten Wert pflegte.
1964 lud er zum ersten Mal Günter Eich und Ilse Aichinger ein, daraus entstand eine lebenslange Freundschaft. Eich wollte, dass seine Asche in Alfermée ausgestreut werde. «Es gibt zwei Sorten Schriftsteller», soll er gesagt haben, «solche die in Biel gelesen haben, und solche, die nicht gelesen haben.» Und er zählte sich wie Ilse Aichinger, Peter Bichsel, Wolfgang Hildesheimer, Hanna Johansen, Jürg Laederach, Kurt Marti, Friederike Mayröcker, E. Y. Meyer, Paul Nizon, Erica Pedretti  und Matthias Zschokke zu Schafroths Literarischer Gesellschaft Biel – neben Jörg Steiner, dem einzigen unter ihnen, der tatsächlich in Biel wohnte.
In den 1960er Jahren war es nicht selbstverständlich, dass eine im Bildungsbürgertum verankerte literarische Gesellschaft Autorinnen und Autoren zu Lesungen lud, denen zum Beispiel Walther Hofer, Berner Geschichtsprofessor und Nationalrat, 1964 vorwarf, sie hätten als «literarische Gartenzwerge» nur «Kritiksucht, Phantasterei und ein schizophrenes Verhältnis zur Freiheit» im Sinn. Schafroth hielt kompromisslos zu diesen «Gartenzwergen», selbst um den Preis massenhafter Austritte aus der von ihm präsidierten Gesellschaft.
Während Emil Staiger 1966 die neuen Stimmen der «Entartung jenes Willens zur Gemeinschaft» anklagte, «der Dichter vergangener Tag beseelte», trat Schafroth an der Seite der so Angegriffenen jeder Vereinnahmung der Literatur kategorisch entgegen. Er verstand sich dabei nicht als Vertreter bestimmter Schreibrichtungen.  Die Vorstellung, literarische Texte zu kanonisieren, war ihm ein Greuel. Er sah sich deshalb auch weder bloss als Literaturkritiker noch als Literaturförderer oder –vermittler, wenn überhaupt eine Bezeichnung ihm gepasst hätte, dann vielleicht jene des Literaturerleichterers.
So begründete er zusammen mit 40 Autorinnen und Autoren und Literaturfreunden 1978 den Verein Solothurner Literaturtage, Träger der Literaturtage von 1979 bis heute. Ebenfalls 1978 initiierte er zum hundertsten Geburtstag von Robert Walser in Biel den Robert-Walser-Preis, eine Auszeichnung für Erstlingswerke in Prosa aus dem gesamten deutschen und französischen Sprachraum, die bis heute vierzehnmal vergeben werden konnte.
In der Herausgeberkommission der ch Reihe trat er für die literarische Übersetzung wenig marktgängiger Texte deutschsprachiger Schweizer Autorinnen und Autoren in die anderen Sprachen  des Landes ein und wurde als literarischer Berater von Verlegern und Verlegerinnen der ganzen Schweiz, wie zum Beispiel Marlyse Pietri vom Verlag Zoé in Genf, hochgeschätzt.
Als Max Frisch seine regelmässigen Zusammenkünfte mit jüngeren Schriftstellerkolleginnen und –kollegen auf der St. Peters-Insel im Bielersee nicht mehr selbst organisieren konnte, übergab er diese Aufgabe Schafroth, und der führte die Treffen auch nach dem Tode Frischs weiter, solange es ihm gesundheitlich möglich war.
An der ETH Zürich begründete er 1994 zusammen mit Adolf Muschg – auch im Gedenken an Max Frisch – die Lesereihe Holozän, um werdenden Autorinnen und Autoren eine Tribüne zu bieten. Gesucht waren jeweils «neue, mutige und provokante Texte von Autorinnen und
Autoren, die ihre erste Buchveröffentlichung noch vor sich haben.»
Als 1997 an der ETH Zürich das Collegium Helveticum gegründet wurde, als Forum für den Dialog zwischen den Wissenschaften, wurde Schafroth mit der Leitung des literarischen Programms beauftragt.
Neben all diesen Tätigkeiten hatte er in den 1970er/80er Jahren eine Monographie über Günter Eich veröffentlicht, Textsammlungen zu Ilse Aichinger, Peter Bichsel, Peter Handke und Friederike Mayröcker herausgegeben und 1998 einen Sammelband über Brigitte Kronauer publiziert. Zudem schrieb er während dreissig Jahren regelmässig breit beachtete Literaturkritiken für die Frankfurter Rundschau, die Basler Zeitung und die Weltwoche. Wichtig war ihm auch hier nicht die Rolle des Richters über Sein oder Nichtsein literarischer Texte, sondern jene des wegbereitenden Grenzgängers, der sein Lesepublikum zu literarischen Entdeckungen einlädt.
Sein unermüdliches Engagement für literarische Erkundungen wurde 1992 durch den Preis der Stadt Biel für besondere kulturelle Verdienste
ausgezeichnet, 1997 durch den deutschen Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay, 2001 durch die Aufnahme in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt und 2006 durch die Ehrengabe des Kantons Bern für Literaturvermittlung.
Inzwischen hatte er mit dem Besitzer- und Redaktionswechsel in der Weltwoche, mit dem Rauswurf von Urs Allemann aus der Basler Zeitung und den Umstrukturierungen in der Frankfurter Rundschau sukzessive die Plattformen für seine Rezensionen verschwinden sehen und fand sich in den Medien wieder vor der Forderung, die Erwin Heimann 1964 im Streit mit Kurt Marti vertreten hatte: Literatur habe sich nicht um «Sprachgebilde» irgendwelcher Art zu bemühen, sondern darum, die Leser zu erreichen.  Doch dem gegenüber hatte er sich schon 1998 zu einer Literatur der Langeweile bekannt: «Seit es uns prophezeit ist, dass wir uns zu Tode amüsieren, ist die einzige Chance der Literatur das Antizyklische der Langeweile.» Denn, so hielt er mit Felix Philipp Ingold fest, «was lange weilt, ist das Wort».