Jörg Steiner (1930-2013)

Ein Porträt

Approfondimento del 22/01/2013 di Beat Mazenauer

In seiner Dankesrede zur Verleihung des Erich-Fried-Preises 1994 bemerkte Jörg Steiner: «Ich erinnere mich an meinen Widerstand, der sich nur im Schweigen kundtun konnte.» Dieses kurze Zitat zielt ins Zentrum seines literarischen Werks. Es kristallisiert sich am Schweigen und am Widerstand seiner Protagonisten, die weder Helden sind noch Schwätzer, sondern einfache Figuren vom Rande des Gesellschaftstheaters. Im Verstummen finden sie zu sich in einer Form von stolzer Selbstbehauptung. Aus diesem Grund sind Schose Ledermann, die Stammgäste in der ‹Schönegg›, Goody Eisinger und wie sie alle heissen stets auch Ordnungsstörer, denn «wenn man sich an eine Ordnung gewöhnt hat, fängt man an, selber Ordnung zu verlangen». Davor sind sie alle gefeit, sie lassen sich weder zur Ordnung noch zur gesellschaftlichen Räson bringen.

Der Reigen dieser Sonderlinge setzt mit Rudolf Benninger im Roman «Strafarbeit» (1962) ein, mit dem sich Steiner jenen geistesverwandten Autoren zugesellte, die wie er aus der Jurasüdfuss-Region stammen: Peter Bichsel, Otto F. Walter oder Gerhard Meier. Benninger berichtet – zur Strafe – in zwei voneinander abweichenden Versionen von seiner Flucht aus der Jugendstrafanstalt, wobei offen bleibt, welche der Versionen der «Wahrheit» entspricht, sofern es eine solche überhaupt gibt. Benninger widerspricht sich, legt falsche Fährten, erträumt sich eine neue Freiheit, doch gegen den phantastischen Überschuss obsiegt am Ende zwangsläufig die Realität des Eingeschlossenseins. In diesem Roman greift Steiner zurück auf Erfahrungen, die er während seiner Tätigkeit als Heimerzieher gemacht hat und die ihrerseits an die eigene Rebellion appellieren. Es sind prägende Erfahrungen, die auch im folgenden Roman Ein Messer für den ehrlichen Finder (1966) virulent bleiben und in dem Benningers Freund Schose Ledermann die Hauptrolle spielt. Wegen Mordes an einem Jungen hat er noch ein Jahr abzusitzen. Während Benninger seit einem zweiten Fluchtversuch vermisst ist, denkt Ledermann nicht mehr an Flucht. Lieber möchte er die armselige Jugend, seine Tat hinter sich bringen und sich neu in die gesellschaftliche Ordnung einfügen. Als ob der Autor selbst solchen Illusionen misstrauen würde, erzählt er aus kühler Distanz und macht sich hinter einem narrativen ‹man› oder ‹wir› ungreifbar. Den beiden Romanen gemeinsam ist die lakonische Verknappung der Sprache, ein untrügliches Merkmal für Steiners Stil. Er erzählt gleichsam zwischen den Zeilen und biegt jegliche Gewissheit stets in die Unsicherheit, ins Konjunktivische ab. Zugleich aber ergreift er vorbehaltlos Partei für seine kauzigen Sonderlinge und gescheiterten Existenzen. Was immer sie auf dem Kerbholz haben, den Lesern wachsen sie ans Herz.

Das Wechselspiel zwischen lapidarer Klarheit und schwebender Möglichkeitsform generiert in den kürzeren Prosatexten und den lyrischen Versuchen eine dritte Ausdrucksform, die Appell und Pathos, somit auch das schreibende Ich ausgeprägter zu Wort kommen lässt. In den Geschichten Auf dem Berge Sinai sitzt der Schneider Kikrikri (1969) wie in den Gedichten Als es noch Grenzen gab (1976) setzt Steiner ein auktoriales Ich ein, um biographische Splitter zu erproben, die zur eigenen Lebensgeschichte hinführen, eine biographische Fixierung aber verhindern. Noch einen Schritt weiter geht die Erzählung Schnee bis in die Niederungen (1973), in der die Gebrochenheit des Erzählens radikal umgesetzt wird. Das erzählende Ich konstruiert sich eine Figur namens Reubell (in Ein Messer für den ehrlichen Finder der Ansprechpartner von Schose Ledermann), ohne ihr wirklich Kontur zu verleihen. Reubell besteht aus widersprüchlichen Eigenschaften. Die diskontinuierliche, flüchtige Möglichkeitsform hält das Erzählen offen und reagiert so widerspenstig auf die bestehende Misshelligkeit, «reden zu dürfen, und mit seiner Rede doch nichts auszurichten». In der Konfrontation mit einem Gerichtspräsidenten hält der Ich-Erzähler dagegen: «Wenn es nur die eine Wahrheit gibt, will ich nicht ihr Zeuge sein.» Steiner experimentelle Radikalität gipfelt in Schnee bis in die Niederungen, danach kehrt er zu konventionelleren Erzählformen zurück. Die ersten Schritte dazu unternimmt er in den vielfach ausgezeichneten Bilderbüchern, die er zusammen mit dem Illustrator Jörg Müller verfasst. Symbolhaft erzählen sie davon, welche Verheerungen der Fortschritt an Natur und Lebenswelt anrichtet. In Die Menschen im Meer (1981) unterdrückt eine reiches Herrenvolk seine armen Nachbarn auf einer nahen Insel, doch das herrliche Reich geht an der eigenen Gier zugrunde.

1982 erscheint Steiners bis dahin komplexestes und reifstes Buch Das Netz zerreissen. Zeitlich in kurze Jahreszeiten-Kapitel unterteilt, gruppiert er um den Kristallisationskern des heruntergekommenen Restaurants ‹Schönegg› eine Reihe von sensiblen Figurenporträts: Randexistenzen, deren voneinander losgelöste Lebensgeschichten sich insgesamt zu einem sprung- wie lückenhaften Panoptikum des provinziellen helvetischen Lebens fügen. Ihr Aussenseiterstatus bedeutet nicht, dass sie Zerbrochene sind: «Alles, was man ihnen vorwerfen konnte, war, dass sie ihr Scheitern überlebt hatten». Sie versuchen sowohl an ihrer kleinen Gemeinschaft wie am bürgerlichen Leben teilzuhaben. Widerstand gegen die Ordnung heisst für sie nicht, die Unordnung zu wünschen, vielmehr suchen sie ihren Platz in der rauen Sphäre zwischen Verzweifeln und Hoffen. Das Erzählen hilft dabei, insofern es keinen definitiven Halt mehr vermittelt, keine Lückenlosigkeit mehr vorgaukelt, sondern, wie es im späteren Weissenbach-Roman heisst, Geschichten erfindet: das Leben «ist ein kühner Erzähler, es verweigert Erklärungen.» Derart nährt es den Traum, die eigene Verstrickung, das Netz zu zerreissen. Am Ende gelingt dies Robert Knecht, dem Wirt, der wegen zahlreicher Schicksalsschläge immer eigensinniger geworden ist. Er zündet die bereits verkaufte Schönegg an, die bloss noch eine trügerische Geborgenheit und Zugehörigkeit vermittelt hat.

Das Netz zerreissen knüpft an Strafarbeit und Ein Messer für einen ehrlichen Finder an und leitet über zur stilistischen Konzentration der nächsten Bücher. In dem Geschichtenband Olduvai (1985), der Erzählung Fremdes Land (1989) und dem Roman Weissenbach und die anderen (1994) nimmt Jörg Steiner die formpoetische Radikalität zurück zugunsten einer stilistischen Konzentration: einer Poesie der Beiläufigkeit und der Absenz. Zugleich werden radikalere Töne hörbar, die «verlorengegangene Zusammengehörigkeit» wird expliziter als in früheren Büchern thematisiert, auch wenn er die Erzählung Fremdes Land mit  sozialen Problemfeldern etwas überlädt. In Weissenbach und die anderen findet er für die vaterlandstreuen Barone, die rührige lokale Elite von Otterwil, grimmigere und auch gröbere Worte denn je.

Zur Vollendung gelangt Jörg Steiners luzide Poesie in der Erzählung Der Kollege (1996) und im schmalen Roman Wer tanzt schon zu Musik von Schostakowitsch (2000). In ihnen wird die kompositorische Komplexität auf ein paar schlichte Handlungselemente reduziert, der Text scheint sich förmlich ins Verschweigen aufzulösen. Der arbeitslose Bernhard Greif (in Der Kollege) hat niemanden mehr zum Reden, seit auch sein letzter Freund verstorben ist. Seine Botschaften kommen nirgends mehr an, deshalb kann auch niemand verstehen, warum er einen schönen Teil seiner Sozialhilfe allwöchentlich ins Lottospiel – in sein «langfristig unfehlbares System» – steckt. Doch Greif ist weder abgestumpft noch resigniert, sondern frei von Konventionen. Darin gleicht ihm der unbeschwerte Goody Eisinger in Wer tanzt schon zu Musik von Schostakowitsch, der unversehens aus der Stadt verschwindet. Der Bruder, ein Versicherungsagent, misstraut der allgemeinen Wertschätzung für Goody zutiefst. In seinen Aufzeichnungen voll unterschwelliger Ressentiments versucht er die eigene Unzufriedenheit von sich weg zu schreiben. Steiners Erzählweise mag zuweilen harmlos, arglos wirken, dies ist jedoch bloss Zeichen einer poetischen Verdichtung, die das Unausgesprochene und Mögliche subtil zur Sprache bringt. Der ungreifbare, verschwundene Goody Eisinger vereinigt in sich Widerstand und Schweigen in gleichsam utopischer Weise. Ohne Worte und leichten Herzens lässt er die Ordnungsstifter in unordentlicher Irritation zurück. Niemand weiss, wo er steckt. «Alles was er erzählt, erzählt er allen», erinnert man sich, und auch wenn er allen etwas anderes erzählt: «Er bleibt bei der Wahrheit.» Goody weiss um deren Wankelmütigkeit. Es gibt sie nicht, die eine und einzige Wahrheit, dessen scheint sich auch Jörg Steiner ganz sicher.