Von Bäumen und Meeren

Lyrik von Virgilio Masciadri, Lisa Elsässer, Jürg Beeler und Svenja Herrmann

Approfondimento del 31/07/2017 di Beat Mazenauer

Virgilio Masciadri: Allee ohne Laub

Die Lyrik von Virgilio Masciadri (1963-2014), Aargauer mit italienischen Wurzeln, ist geprägt von einer Formensprache, die seine altphilologische Bildung verrät. Dies trifft zumindest für jene Lyrik zu, die zu seinen Lebzeiten erschienen ist. Die eben erschienenen Nachlass-Gedichte aus den Jahren 1998 bis 2013 stehen unter einem anderen Stern. Der Lyriker zeigt sich von einer intimen Seite, die aufs eigene Erleben von Stadt, Natur, Jahreszeiten fokussiert. Selbst ein hin und wieder auftauchendes Du ist womöglich eher an sich selbst gerichtet. Der Band teilt sich in zwei Gruppen, die ineinanderfliessen und durch die Farbe Grau atmosphärisch miteinander verbunden sind. Er trachtet nicht nach vorgetäuschten Farben, «wo nur der Alltag ist und sein Grau».

Um die Jahrtausendwende herum stehen Paris und Italien im Zentrum. Während die französische Metropole oft unter tief hängenden Wolken im Regen liegt, dringt selbst  in Italien die Sonne nur selten durch. «Tag für Tag ist der Himmel / ein unbeschriebenes Blatt» – unter dem sich eine graue Strasse hinzieht. Bereits hier kristallisieren sich prägende Empfindungen der Einsamkeit heraus, die im zweiten Teil an Dringlichkeit gewinnen – teils bereits unter dem Eindruck einer schweren Erkrankung, die lyrisch indes unausgesprochen bleibt. Die Gedichte fragen vielmehr nach dem «zu Hause», ohne dafür mehr als die Frage zu finden: «was das heissen würde in deinem Fall».

Die Perspektive verengt sich, zugleich weitet sie sich:

Alles Elend der Welt
ist nicht gegen den
Schmerz jedes Einzelnen was
empört ihr euch über das / Unrecht das in der Zeit-
ung steht?

Diese letzte Zäsur ist eines der poetischen Kennzeichen der Gedichte Masciadris. Während lyrische Umstellungen im Satzbau hin und wieder etwas zu viel Pathos auftragen, hemmen subtile Zeilenbrüche mitten in der Zeile und an deren Ende immer wieder den verführerischen poetischen Fluss. Sie setzen feine Nadelstiche, mal ironisch, «O das Vergnügen am Stilbruch», wenn er auf dem Rücken eines Bandes von Erika Burkart einen Limerick notiert. Meist aber mit nachdenklicher Melancholie. Virgilio Masciadri lässt darin etwas in Stücke gehen, das vielleicht Hoffnung heisst und Lebensmut, bis hinein in die letzte Zeile in diesem Band, in dem der «En-gel» in zwei tönerne Scherben zerbricht.

Die (scheinbare) Beschränkung aufs Eigene beinhaltet zugleich eine Konzentration auf das, was der Mensch überhaupt leisten kann – und soll: «ein Ohr haben für jenen der dir begegnet». Dafür umgeht er das «Abgegriffene aller Begriffe» und hält sich lieber an konkrete Beobachtungen. Bei aller Melancholie und bei aller Nüchternheit lässt er unterschwellig doch immer wieder auch verhalten ironische Töne anklingen, wie ein Gedicht demonstriert, das auf den 11.11.11 datiert ist:

schwierige Tage
für jeden der nicht ans Kunstlicht glaubt
der lieber / ohne dabei ertappt zu werden
das Ohr an den Erdboden halten möchte
um der Verschwörung der
Graswurzeln zu lauschen die heimlich
den Frühling planen.

Dieser Band aus dem lyrischen Nachlass ruft Virgilio Masciadri nochmals als einfühlsamen Poeten ins Gedächtnis zurück.

Jürg Beeler: In fremden Zimmern

Jürg Beelers Gedichte In fremden Zimmern liegen im Schatten eines mal melancholischen, mal leise Verzweiflung aufblitzenden Memento mori. Ihr Grundton der Vergänglichkeit verbindet vereinzelte Erinnerungen ans Ungetane, Ungesagte, Ungelebte. Auch wenn die Sehnsucht nach Süden zielt, sieht sich das lyrische Ich doch eher am Ufer eines nördlichen Meeres stehen. Es blickt in sich, lässt daraus ein Du auferstehen, mit dem es sich in einen imaginären Dialog begibt. Äusseres Personal geht nur schweigend vorüber.

Entsprechend sind die Bilder von Nostalgie und Abschied geprägt. Dunkle Zypressen stehen im Wind und lassen im vereinzelten Sonnenlicht ihre spitzen Klingen aufblitzen, Wolken überziehen die Landschaft. Das mag auf Anhieb eher nach Klischee klingen – und tatsächlich scheinen viele Bilder und Motive vertraut: Jahresringe, unendliches Meer, lange Schatten und die stillstehende Zeit.

Jürg Beeler gelingt es aber immer wieder, seine Zeilen mit einem «nur» zu relativieren, mit einem «noch» die Vergänglichkeit zu markieren oder einem «nicht» leise die Verluste zu bilanzieren.

nur wenn die Worte aus Schnee sind,
traue ich ihnen
aber wer noch erriete den Baumbestand
zwischen den Zeilen

So behalten diese überraschend wendigen Gedichte stets einen Rest an Geheimnis, Rätsel und Unerschlossenem. Dabei mögen Kleinigkeiten den Lauf der Dinge hemmen und sich zu grossen Fragen weiten:

nur das Schloss deiner Haustür
klemmt

was für ein Mensch du bist,
dem sich die Welt nicht öffnet

Bilder wie das «faltige Licht», «die rissige Luft» oder der in Einmachgläsern schimmelnde Herbst bleiben haften. Und vor allem blitzt hin und wieder, aller Melancholie zum Trotz, ein erstaunlicher Schalk in diesen Gedichten auf, wenn «ein Leben wie viele» in der Hanglage «die Sätze mit Sensen geschnitten und an Kühe verfüttert» werden, bloss die «Wolkenschafe ungeschoren» davon kommen. Und wenn im persönlichen Pass «die ungelebten Worte und die Schnecken,/ die deine Stiefel zermalmten» verzeichnet werden.

In fremden Zimmern umfasst 50 Gedichte, die jeweils auf einer Seite zwischen vier und achtzehn Zeilen umfassen. Innerhalb dieses Rahmens variiert Jürg Beeler die Verse, Strophen und Rhythmen, seine Gedichte lesen sich so leicht, dass man dabei gerne stolpert, innehält, sich fragt. Mag die Erinnerung auch ausbleichen: «die Lücken in der Erinnerung / bleiben».

Lisa Elsässer: flussbewohner

In Rimbauds berühmtestem Gedicht «Voyelles» steht die Farbe blau für den Selbstlaut O: «Stillen durchkreuzt von Monden und Engeln: – O du  Omega». So blau ist das Wasser, der kristalline Schnee, die Landschaft im Schein des bleichen Monds. Das alles trifft exakt die Stimmung von Lisa Elsässers Gedichten. «im kalten gedankenmeer» dichtet sie im nächtlichen Zwielicht an einem kühlenden Fluss, der blau an ihr vorüberzieht und die Zeit mit sich nimmt: «bis der mond uns mustert / bleiben wir einander unsichtbar». Die 81 Gedichte in diesem Band lassen den Sommer nur für kurze Momente herein, wo er sich zeigt, sind «sprühregen» und «regentage» nicht weit, und selbst im Süden leuchtet

am horizont ein dunkel
blaues licht durch wolken
wie seide der abendrausch.

Danach hält gleich wieder der Frost Einzug, macht der November sich breit und wirft lange Schatten übers Papier, auf dem sich kühle Worte kristallisieren.
In vielen Variationen umspielt Lisa Elsässer die blaue Stunde der Poesie, lässt sie das zaghaft auftretende Du im Nebel wieder verschwinden. Selbst wenn sie «unser glas haus brennen» sieht, umarmt Kälte den «gedankenbrand» und

am himmel bläute
der letzte streifen
wie atemnot im licht.

Solche Konsequenz in der Bildsprache und Tonalität ist erstaunlich. Kaum ein Zeichen weckt die Hoffnung auf Wärme und Röte und eine Welt im Sinnestaumel, die nicht zugleich einen Abschied verhiesse. Die Dichterin verbietet sich derlei. So bleiben die Worte «ohne glück», dehnen sich die Abendstunden, wächst die Verlorenheit und legt sich «eine blaue stille» über den Band.

Das intensive Kreisen um ein schmales Repertoire an brüchigen Bildern enthüllt – gewissermassen kontraindikativ – eine fast schon glühende Hingabe, deren Intention sich freilich nicht verrät.

In der Diktion bleibt Lisa Elsässer knapp. Sie lässt Artikel und Beifügungen weg, um das Klirren und Knirschen in die Wortfolge hinein zu legen. Das gelingt häufig und spürbar – doch nicht immer. Hin und wieder verrät die Inständigkeit des Blauen einen Variationszwang, als ob es daraus keinen Ausweg geben dürfe. Die Lyrik bleibt dann gefangen in einem Furor des Selbstbezüglichen, der die Erscheinungen «der wechselbeseelten welt» geradezu mutwillig ausspart.

Svenja Herrmann: Die Ankunft der Bäume

Fünf Abteilungen umfasst der neue Gedichtband von Svenja Herrmann, der wie der Band von Jürg Beeler in der von Markus Bundi kuratierten «Reihe» im Wolfbach Verlag erschienen ist. Die erste Abteilung wird eingeleitet von einem Fünfzeiler: das lyrische Ich im Dunkeln mit erleuchtetem Gesicht «im digitalen Quadrat / wo stehe ich».

Die Frage bleibt ohne Fragezeichen, dennoch begibt sich Ich auf die Suche nach einer lyrischen Antwort. Im Schatten des Blätterdaches sucht es Unterschlupf «zwischen den Federn eines Vogels». Die Natur bietet Obhut auch im titelgebenden Gedicht «Die Ankunft der Bäume». Mit einem zaghaften «vielleicht» eingeleitet streben die Bäume in die Höhe; sie machen «das Herbeiträumen von Grün» wieder leicht; sie verleihen Schutz und – vor allem: «sind sie da und / bleiben».

Der Band variiert in freien Versen Rhythmus und Länge, vom mehrstrophigen Gedicht bis zum Zweizeiler «Eine Liebe in Pakistan»:

Im Spiegel regloser Augen
ihre erhängten Körper

Nicht nur wie hier in dramatischer Kürze sind es oft Augen-Blicke und Beobachtungen – unscheinbare, beiläufige –, die dem lyrischen Ich Anlass geben, selbst in die Welt einzutreten, unter «schwebenden Walskeletten» feierlich des eigenen Ursprungs zu gedenken, oder auf die wuchernde Grossstadt vor dem Fenster zu blicken, von aussen staunend und bald mitbetroffen:

wo eine neue Stadt sich aufbläht
über eine andere Stadt
stehe ich

Der Beobachtungsposten ist möglicherweise der Stand-Ort, wo auch «Luftwurzeln in mir» wachsen und ausreichend Sauerstoff zuführen.

Die Schauplätze verteilen sich in diesen Gedichten rund um den Globus. Doch Svenja Herrmann geht es nicht um topographische Anschaulichkeit. Costa Rica ist lediglich ein Ausruf im Donaudelta und Little Odessa findet sich auf Coney Island. Die Worte der Dichterin bleiben «in Ritzen der Pflastersteine» hängen und «in Gräben ihre Zeilen». Sie bewegt sich an einer Nahtstelle von Vergangenheit und Zukunft, von Natur und Zivilisation, in einem Zwischenreich von Welt und poetischer Imagination.
Entsprechend beweglich zeigen sich Svenja Herrmanns Gedichte. Sie verschieben immer wieder hintergründig die Ebenen und schichten sie unerwartet übereinander: «ein Sandkorn reicht / für ein Getriebe». Das erschliesst sich nicht leichtfertig, sondern erfordert eine wache Lektüre, die sich selbst auf vages Terrain wagen muss:

vorne am Ufer wird er nach Odessa blicken
den Duft des Gebäcks, des Meers in der Nase
umgekehrt träumen.