Lebendig bleiben

Zum Tod von Kurt Marti, 31. 1. 1921 – 11. 2. 2017

Approfondimento del 20/02/2017 di Daniel Rothenbühler

«Ich bin der Letzte», sagte Kurt Marti 2014 in einem längeren Interview mit Stefan von Bergen. Seine Altersgenossen waren vor ihm weggestorben. Am 11. Februar 2017 ist er ihnen nun gefolgt, als letzter der grossen deutschsprachigen Autoren der Schweiz aus der Generation von Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt. Wie die beiden hat er den 2. Weltkrieg als junger Erwachsener erlebt, und dieses grösste Unheil des 20. Jahrhunderts hat sein Leben und Schaffen so dauerhaft erschüttert wie das ihre.

Vom Zweifel begleitetes Staunen

Als Zwanzigjähriger wechselte er 1941 unter dem Einfluss von Karl Barths theologisch fundiertem Antifaschismus nach zwei Semestern Rechtswissenschaft ins Studium der Theologie, wurde dann «sogar Pfarrer», wie er sagte, und amtete als solcher von 1950 bis 1983, ab 1961 an der Nydeggkirche in Bern.

Als Autor trat er erst 1959 mit dem Gedichtband Boulevard Bikini auf, veröffentlicht in der Vorstadtpresse Biel, also beim neun Jahre jüngeren Jörg Steiner, der ihn ebenso zum Schreiben ermutigte, wie Marti umgekehrt schon vorher seinen künftigen Kollegen «mehr Anstösse gegeben (hatte) als jeder andere» (Hans Rudolf Hilty). Selber angeregt in seinem Schreiben wurde er durch die Lektüre von Francis Ponge, Henri Michaux, Arno Schmidt, Eugen Gomringer und Helmut Heissenbüttel, die Max Bense in den 1950er-Jahren in der Zeitschrift Augenblick publizierte.

In seinen Gedichten, seinen Aphorismen, seinen Essays und seinen jede Gattung sprengenden weiteren Texten sind diese Anregungen bis zum Schluss lebendig geblieben. Marti verstand es aber, etwas ganz Eigenes, nie Dagewesenes zu schaffen: Er verband die Verspieltheit des experimentellen Schreibens mit dem Ernst des Widerstands gegen jede Vereinnahmung. Seinem Schreiben, seinem Glauben und seinem politischen Eingreifen lag immer der beharrlich anhaltende Zweifel der Aufklärung zugrunde. Er erinnerte aber auch daran, dass das biblische Hebräisch kein Wort für «Zweifel» kennt, dafür mehrere Worte für «Staunen», und betonte: «Staunen bewahrt den Zweifel davor, in generelle Verzweiflung umzuschlagen.»

Vielleicht liegt in diesem vom Zweifel begleiteten Staunen das Geheimnis seines Schreibens, das offen blieb fürs Surreale, fürs Absurde und fürs Groteske, ohne sich je an eine dieser Kategorien zu binden. Er wollte sich auch sonst auf keine Begrifflichkeit festlegen, weder literarisch noch theologisch. Das hielt sein Schreiben und seinen Glauben in ständiger Bewegung, aber nicht im Sinne einer hoffnungsvollen Gerichtetheit. Hoffnungsrhetorik sah er, wie das alte Israel, als «Merkmal der falschen Propheten.» Diesen stellte er einen Imperativ entgegen, mit dem er Marx’ 11. Feuerbachthese abwandelte: «Es kommt darauf an, die weltunverträgliche eigene Lebensweise zu ändern.» Und im Wort «Lebensweise» lag der emphatische Akzent für ihn auf «Leben», auf dem Lebendigbleiben.

«Die wichtigste Moral denkt an Widerstand, Traum»

Wenn er nicht immer jede begriffliche Festlegung zu vermeiden versucht hätte, hätte er sich in seinem Bemühen um die Rettung des Lebendigen vor dessen Vereinheitlichung der «negativen Dialektik» Adornos zurechnen können. Aber noch radikaler als dieser sah er auch in einer solchen Bezeichnung die Gefahr, Zwang aufs Lebendige auszuüben. Vor der absoluten Negativität aber, die wieder in Affirmation gemündet hätte, suchte er sich in der unabschliessbaren Sisyphusarbeit der Suche nach einem Gott zu bewahren, der sich jeder Verfügbarkeit entzieht. Denn: «Gott, wenn als bewiesen und begriffen behauptet, ist sogleich nicht mehr Gott, sondern eines seiner Surrogate.» Und er zitierte Friederike Mayröcker: «Gott ist mit den Verrückten [...], die wichtigste Moral denkt an Widerstand, Traum.»

Im Zweifel daran, ob die Literatur einer Moral der «Verneinung, Verhinderung, zum mindesten aber Verurteilung und Eindämmung von Gewalt» – auch jener der Begrifflichkeit – folge, setzte er am ehesten noch auf die «Gewaltresistenz und Marktwidrigkeit» der Poesie. Damit stellte er Adornos Diktum, «nach Ausschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch», nicht in Frage. Den barbarischen Akt ihres Dichtens sollen die «authentischen Künstler der Gegenwart» nach Adorno nicht dadurch eingestehen, dass sie schweigen, sondern dadurch, dass in ihren Werken «das äusserste Grauen nachzittert.» Und das schien Marti in der Poesie eher möglich als in jedem anderen literarischen Ausdruck.

Das Gedicht «danach» liest sich wie eine Antwort auf Adornos Mahnung:

in der zeit
von auschwitz
hörte ich nichts
von auschwitz

ahnungslos?
nein:
ahnungen
waren

aber das
aber so
– fraglich alles
seither.

In der Lakonik dieser Verse aus den 1990er Jahren, deren Sätze zu Ellipsen zerbröckeln, zittert das Grauen nach, von dem Adorno spricht. Marti verstand es zwar wie kaum einer, prägnante Sätze zu formulieren, aber er liess auch seine besten Aphorismen nicht gerne als in sich geschlossenes Ganzes alleine stehen. Er hielt sich wie Mallarmé lieber an Wörter als an Ideen, liess diese aber eher als jener in der Schwebe zwischen Laut und Sache: «Ich mag das Wort ‚Zimt’. Mag ich’s, weil ich Zimt mag? Würde ich’s weniger mögen, falls Zimt das Wort für Blutwurst wäre?»

Das «Zaudern zwischen Laut und Bedeutung», das nach Roman Jakobson Poesie ausmacht, zeigt sich in den berndeutschen Gedichten Martis noch deutlicher als in den hochdeutschen, gerade auch für deutsche Leser. In «belagerig» wird das Daheimsein – auch jenes in der Mundart – unheimlich, auch lautlich:

vögel
luure
kurlig
rings ums huus

d’fründe gönge
d’chinder
d’frou
– und i wett ou
mit nen uf
und druus

aber vögel
luure
kurlig
rings ums huus.

Nur im widerständigen Wunsch nach «uf und druus» konnte er zum Wegbereiter einer «modern mundart» werden, die «die Schweiz aus ihrer Formelstarre beziehungsweise Totenstarre befreit» (Werner Weber).

Marti war ein aufmüpfiger Berner. Er hat «Bern, die Menschenfresserin», blossgestellt und er hat Bern ermahnt: «Der Tod war ein Meister aus Deutschland. Verdrängung bleibt eine Meisterin in Bern.» Bern, der Kanton, hat es ihm heimgezahlt. Dessen Regierungsrat verweigerte ihm 1972 aus politischen Gründen die von der Fakultät beschlossene Berufung auf den Lehrstuhl für Predigtlehre an der Universität Bern. Sein Tagebuch Zum Beispiel Bern 1972 zeigt: Erstaunt gewesen wäre er übers Gegenteil. Auch das macht ihn weiterhin lesenswert: seine unverkrampfte Illusionslosigkeit.
Die bewahrte er ebenfalls in der tiefen Trauer, als seine Frau Hanni starb, fast zehn Jahre vor ihm. Für ihn war das eine Art soziale Amputation, denn mit ihr war er über fünfzig Jahre «im Dauergespräch» gewesen und dank diesem auch mit dem alltäglichen Umfeld. «Ich bin nicht mehr sehr gesprächig», sagte er dazu. Und das hiess für diesen Mann des Gesprächs, dass er auf seinen Tod wartete. Nicht etwa auf ein Wiedersehen im Jenseits, eine solche Vorstellung fand er vermessen. Über den Tod liess sich in seinen Augen ernsthaft nur in Tautologien reden: «Der Tod ist der Tod ist der Tod.»